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Update PFAS Initiative:

Druck kommt nicht mehr nur von Regierungen



Stand 01/2026
PFAS-Regulierung ist zurück auf der Agenda – und betrifft zunehmend auch technische Kunststoffe und Halbzeuge. Neben der EU erhöhen nun auch Versicherer den Druck auf PFAS-haltige Produkte. Was das für Materialien, Anwendungen und mögliche Alternativen bedeutet, lesen Sie im aktuellen Zell-Materials Update.



1. PFAS: Vom Spezialthema zur strategischen Industriefrage

Auch wenn es in den letzten Monaten etwas ruhiger geworden ist, bleibt PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) eines der zentralen Zukunftsthemen der Kunststoffbranche. PFAS haben sich in kurzer Zeit von einem Nischenthema zu einer strategischen Fragestellung entwickelt, die heute zahlreiche Industrien betrifft – vom Maschinenbau über die Halbleiterindustrie bis hin zu Mobilität und MedTech.

2. Kurze Historie: Auf dem Weg zum EU-weiten REACH-Verfahren

Im Rahmen der EU-Chemikalienverordnung REACH sollen Stoffe mit gefährlichen Eigenschaften künftig stärker eingeschränkt oder verboten werden. Für PFAS wurde dazu ein umfassendes Annex XV-Beschränkungsdossier erarbeitet, das erstmals im März 2023 von fünf Ländern bei der ECHA eingereicht wurde. Ziel war eine gruppenbasierte Beschränkung von mehr als 10.000 PFAS-Substanzen.

Während der öffentlichen Konsultation im Jahr 2023 gingen über 5.600 Stellungnahmen ein, auch unter Mitwirkung von Zell Materials. Auf Basis dieser umfangreichen Rückmeldungen wurde das Dossier überarbeitet und am 20. August 2025 in aktualisierter Form veröffentlicht. Es umfasst inzwischen 23 Sektoren, in denen PFAS-Verwendungen bewertet werden – von industriellen Anwendungen bis hin zu Konsumprodukten.


3. Neue Dynamik: Auch Versicherer erhöhen den Druck

Die EU ist längst nicht mehr die einzige Instanz, die PFAS-haltige Produkte kritisch betrachtet. Zunehmend fordern auch Produkthaftpflicht- und Umwelthaftpflichtversicherungen die Entfernung oder deutliche Reduktion von PFAS in Produkten. Hintergrund sind langfristige Haftungs- und Regressrisiken, die sich für Versicherer nur schwer kalkulieren lassen.

PFAS-haltige Anwendungen werden dabei häufig mit potenziellen Altlasten, zukünftigen Regulierungsverschärfungen sowie schwer abschätzbaren Folgekosten bei Umwelt- oder Gesundheitsschäden verbunden. PFAS-freie Materialkonzepte werden daher immer stärker als risikomindernde Maßnahme bewertet und bei Vertragsverhandlungen oder Policenverlängerungen indirekt eingefordert.


4. Warum die Diskussion differenziert geführt werden muss

Wichtig ist, dass in der aktuellen Debatte nicht nur „klassisch kritische“ PFAS betroffen sind, sondern potenziell auch Fluorpolymere. Viele Industrien argumentieren, dass Fluorpolymere sich deutlich von niedermolekularen PFAS unterscheiden, unter anderem aufgrund ihrer hohen Molekülmasse und ihrer etablierten Anwendungen etwa in Medizin- und Lebensmitteltechnik.

Wir plädieren daher dafür, die Diskussion differenziert zu führen, um unzulässige Verallgemeinerungen zu vermeiden.


5. PFAS bei Zell Materials: Aktuelle Anwendungen

Bei Zell Materials werden PFAS sowohl in bestimmten Werkstoffen zur Modifikation eingesetzt (insbesondere zur tribologischen Optimierung) als auch bei Hilfsmitteln in der Produktion (z.B. Schmiermittel).

Beispiele für modifizierte Produkte sind

Darüber hinaus werden Fluorpolymere auch direkt als Basispolymer eingesetzt, etwa in


6. Aktueller Stand (Ende Januar 2026)

Das überarbeitete Beschränkungsdossier ist seit August 2025 offiziell veröffentlicht und bildet die Grundlage für die nächsten Schritte im REACH-Verfahren. Es beschreibt langfristige Konzepte zur PFAS-Einschränkung, die im Wesentlichen drei Wege umfassen: ein vollständiges Verbot nach Übergangsfristen, Verbote mit zeitlich begrenzten Ausnahmen für schwer substituierbare Anwendungen sowie eine kontrollierte Nutzung unter strengen Emissions- und Risikobedingungen.

Das Dokument umfasst inzwischen mehr als 3.300 Seiten. Die wissenschaftlichen ECHA-Gremien RAC und SEAC arbeiten aktuell an ihrer Bewertung. Stellungnahmen werden im Laufe des Jahres 2026 erwartet und sind entscheidend für die finale regulatorische Ausgestaltung.


7. Bedeutung für Kunststoffhalbzeuge und zerspanbare Werkstoffe

Für die Branche der Kunststoffhalbzeuge ist die Diskussion besonders relevant. Fluorpolymere wie PTFE oder PVDF gehören chemisch zur PFAS-Gruppe und sind technisch für viele Anwendungen unverzichtbar, etwa in Dichtungen, Lagern oder chemiebeständigen Komponenten. Sollte eine gruppenweite Beschränkung greifen, könnten diese Werkstoffe regulatorisch stärker adressiert werden – selbst wenn Übergangsfristen oder Ausnahmen vorgesehen sind.

Ebenso kritisch ist die mögliche Einschränkung von PFAS-Additiven, etwa PTFE-Partikeln in tribologisch optimierten Compounds. In diesem Fall wären Neuentwicklungen und Requalifizierungen erforderlich. Ein weiterer offener Punkt ist die Frage der Analytik: Wie lassen sich PFAS in Halbzeugen zuverlässig nachweisen, insbesondere bei geringen Konzentrationen? Neue Grenzwerte oder Meldepflichten könnten kurzfristig zusätzliche Compliance-Hürden schaffen.


8. Praktische Empfehlung für Konstrukteure und Zerspaner

Wir empfehlen unseren Partnern

  • Durchforsten Sie Ihre Materiallandkarte:
    Welche Halbzeuge sind Fluorpolymere (PTFE/PVDF/PFA/ECTFE) und welche enthalten Fluor‑Additive?

     

  • Holen Sie Lieferanten‑Statements ein:
    „PFAS‑free statement“ / Konformitätserklärungen – idealerweise produkt‑ und chargenbezogen. Diese erhalten Sie gerne auf Anfrage bei Zell Materials.

     

  • Testen Sie frühzeitig Substitution:
    Besonders bei Gleit‑/Verschleißteilen (Lager, Führungen, Dichtungen) frühzeitig Prototypen und Lebensdauer‑Tests mit Alternativen fahren. Zell Materials bietet zum Teil bereits PFAS-freie Alternativen an bzw. geht bei Bedarf auch gerne mit Ihnen in eine Material- und Anwendungsentwicklung.

     

  • Erhöhen Sie die Design‑Robustheit:
    Wenn die PTFE‑Performance nicht 1:1 ersetzbar ist, kann möglicherweise auch eine frühzeitige Anpassung des Bauteils (Geometrie/Flächenpressung/Schmierung) Alternative Materialsauswahl ermöglichen. Zell Materials unterstütz Sie dabei gerne.


9. Ausblick 2026 und Folgejahre

2026 wird ein entscheidendes Jahr im Beschränkungsprozess, da die Stellungnahmen von RAC und SEAC die Grundlage für die spätere Entscheidung der EU-Kommission bilden werden. Klar ist: Die Regulierung wird nicht über Nacht wirken, aber sie wird die Materialentwicklung und Innovationsstrategien der Kunststoffhalbzeugbranche langfristig prägen.

Unternehmen, die sich frühzeitig mit Alternativen und robusten Materialkonzepten beschäftigen, können diese Entwicklung auch als Chance nutzen.




Weitere interessante Quellen:

FAQ

Good to know

Was sind PFAS?
Was ist die PFAS Initiative der EU?
Was ist REACH?
Was ist ECHA?
Was sind Fluorpolymere?